Kommentar der Verfasserin: Diesen Text schrieb ich Ende Juli 2024. Ja, Panik ist hart und sie kann jeden unvorbereitet im Leben treffen. Die, die mich gut kennen, wissen davon. Und die, die mich nicht kennen, werden es jetzt erfahren. Es ist ein Thema, dass mir sehr am Herzen liegt, weshalb ich dazu nicht schweigen will. Es wird zu viel über unangenehme Dinge geschwiegen. Wahrscheinlich kommt jeder einmal in seinem Leben an einen Tiefpunkt, den es zu überwinden gilt. Und dann gibt es verschiedene Wege, damit umzugehen. Während manche es lieber für sich behalten, öffnen sich andere. Ich habe beides ausprobiert und ich kann euch sagen: Mich hat das Öffnen geheilt. Ich weiß, klingt kitschig, aber ich werde euch hier nicht verschonen. Für mich war es der Anfang einer Reise … zu mir selbst. Und wenn man die erst einmal angefangen hat, will man nicht mehr zurück. Dieser Text ist der erste einer Reihe, wie ich es herausschaffte und ich möchte euch Mut machen, dass egal wo ihr seid, es immer einen Lichtblick nach vorn gibt. Es wird besser werden, auch wenn es sich gerade nicht danach anfühlt. Trust me.
Hier saß ich jetzt. Auf einem schmalen Holzbett, umgeben von vielen Kisten, die darauf warteten abgeholt zu werden. Das hier war mein zu Hause für die letzten 6 Jahre Studium gewesen. Das Studentenzimmer war genau 5 Schritte lang und 4 Schritte breit. Ein nicht ganz stabiles Regal und zwei alte Holztische befanden sich außerdem bereits im Zimmer und senfgelbe Vorhänge rundeten das bescheidene Interieur ab. So hatte ich mir meine erste eigene Wohnung nicht vorgestellt. Damals war ich monatelang auf Wohnungssuche gewesen und hatte mir auf Pinterest meine Traumwohnung zusammengebastelt. Als jedoch die Zusage des katholischen Wohnheims kam, hatte ich keine andere Wahl als anzunehmen, da die Miete sonst meine Bafög-Einnahmen überschritten hätte. Jeder musste mal klein anfangen. Und mit klein war ich jetzt fertig.
Das ist er, mein Start in ein freies und selbstbestimmtes Leben. Blöd nur, dass ich das zu Beginn des Studiums auch schon dachte. Irgendetwas war in den letzten 6 Jahren in mir verloren gegangen. Mit vollem Elan hielt ich die ersten 2 Jahre durch, dann kam Corona und erste Zweifel bezüglich der Studienwahl schlichen sich in meinen Kopf. „Bloß nicht aufgeben; was man anfängt, bringt man auch zu Ende“ waren die Sätze, die mein Vater immer sagte. Also hielt ich noch drei weitere Jahre durch. Semester für Semester rauschten an mir vorbei und manchmal musste ich überlegen, wie weit ich schon war. Das unwohle Bauchgefühl aber blieb. Bis vor einem halben Jahr das große Loch kam. So schnell wie eine dunkle Gewitterwolke am Horizont auftauchte und sich in Sekundenschnelle entleerte.
Bei mir kam die Panik. Eines Nachts im November konnte ich nicht mehr schlafen. Einfach so. Mein Körper fühlte sich an, als wäre er einen Marathon gelaufen, konnte danach aber einfach nicht zur Ruhe finden. Mein Herz schlug bis zum Hals und unter meiner Haut krabbelten ganz viele kleine Ameisen. Ich wusste nicht was mit mir los war. Ich hatte doch sonst immer alles im Griff gehabt. Immer einen Plan parat und die Zukunft genau durchgeplant. Doch jetzt schien das alles nicht mehr wichtig zu sein. Die Nacht darauf konnte ich wieder nicht schlafen und die Nacht darauf vielleicht ein paar Stunden. Es hörte nicht auf und ich war in mir gefangen. Nachts, wenn alle anderen schliefen, lag ich mit weit aufgerissenen Augen im Bett und versuchte eine Lösung für mein Problem zu finden, was nur dazu führte, dass ich noch weniger gut einschlafen konnte.
Ich schaffte es irgendwie, mich durch die Nächte und Tage zu quälen und die Zeit lief einfach weiter. Einfach so. Doch meine einfache Zeit war vorbei. Ich konnte nicht mehr still sitzen, ich musste etwas verändern. Mein Leben lang lebte ich so, wie es von mir erwartet wurde. Immer nett sein, fleißig und ordentlich. Immer zur Schule gehen, auf das Gymnasium, Abitur und danach Studieren. Lehramt Gymnasium sollte es sein. Zu Beginn des Studiums lernten wir etwas über intrinsische und extrinsische Motivation. Menschen, die aus extrinsischer Motivation Lehrer wurden, taten dies wegen des Gehalts, des sicheren Arbeitsplatzes und der Ferien. Intrinsisch Motivierte wollen Kindern und Jugendlichen etwas beibringen und hatten Spaß daran. Ich wollte schon als Kind Lehrerin werden. Meine kleine Schwester und Cousinen waren meine besten Schülerinnen, denen ich schon früh alles was ich wusste an einer Kreidetafel beibrachte. Mit alten Schulheften und Büchern von mir. Ich wusste, ich war eine geborene Lehrerin. Und so fand ich, das ich genau aus den richtigen intrinsischen Gründen Lehrerin werden wollte und weil der Beruf sehr familienfreundlich war. Also schrieb ich mich dafür ein. Nur war das Studium nicht wie an der Kreidetafel. Man musste tatsächlich viel leisten und in Kombination mit einer toxisch werdenden Beziehung brachte es mich ein paar Jahre später in ein Loch. Und dieses Loch war erst der Anfang meiner Geschichte.
Alles begann mit meinem Auszug in das senfgelbe Zimmer. Wenn die Vorhänge zu waren und die Sonne in das Zimmer schien, war alles in senfgelbes Licht getaucht. Auch ich, die auf dem Bett lag, weil es ja auch sonst keinen Platz gab, um groß zu liegen.
