
Ich wusste, dass heute ein guter Tag war, als die Ampel auf Grün schalt, während ich mich ihr näherte. Also lief ich direkt weiter, überquerte die nasse Straße und stapfte eine kleine Erhöhung hoch. Rechts und links von mir ragten karge Bäume im Winterkostüm in den blauen Himmel und die Sonne kitzelte meine Nase, als ich mich ihr zuwandte. Jetzt, wo es so lange kalt gewesen war, liebte ich es noch mehr, am Kanal entlang zu spazieren. Denn dieser war zugefroren und wimmelte normalerweise nur so vor Menschen, die Schlittschuh liefen, spazieren gingen oder Eishockey spielten. Der schmale Gehweg links und rechts des Eises war dafür nahezu menschenleer. Das Leben spielte sich auf dem Eis ab.
Doch heute wurde ich enttäuscht. Das Eis war fast gänzlich geschmolzen und lag trüb unter dem Wasser. Die Spuren der Menschen waren noch zu sehen. Wie konnte das so schnell gehen? Die Erinnerung an den vergangenen Abend lies mich stehen bleiben. Ich sah uns nicht mal zwölf Stunden zuvor über das Eis rutschen und durch den Schnee laufen. Die dicke Eisschicht war nicht mehr zu erkennen gewesen, so hoch türmte sich der Schnee auf ihr. Eine Sache, die ich noch mehr liebte als Spaziergänge auf dem gefrorenen Kanal, waren Abendspaziergänge im Schnee. So wie gestern, als es tagsüber bitter kalt war, bis am Abend unerwartet Schneeflocken vom Himmel fielen und die geschäftige Stadt ein bisschen ruhiger wirken ließ.
Wenn man Schneeflocken dabei zusieht, wie sie vom Himmel fallen, scheint die Zeit still zu stehen. Nichts und niemand kann sie aufhalten, sie müssen sich nicht beeilen, sie führen gemächlich ihren Weg fort, bis sie am Boden ankommen. Und dort verschwinden sie entweder so, als hätte es sie nie gegeben oder sie sammeln sich mit der Zeit an.
Schnee lässt uns Menschen ebenso langsamer werden. Wann halten wir schon inne und blicken in den Himmel? Eine strahlende Sonne oder Schäfchenwolken lassen uns dies vielleicht noch tun. Aber wenn Schnee fällt, bleiben wir öfter mal stehen. Unsere Welt ist auf einmal eine andere. Die kargen Bäume sehen ein bisschen heller aus und die Nacht weniger dunkel. Die Autos fahren leiser und langsamer über die Straßen und die lauten Schritte werden abgedämpft. Es ist, als würde die Natur uns dazu bringen, ein Schritt zurück zu treten und mal eine Pause zu machen. Eine Pause, in der man die kühlen Schneeflocken auf der heißen Haut schmelzen spürt, wenn man den Kopf gen Himmel reckt. Wenn die kalte, frische Winterluft um die Nase weht und sie langsam einfrieren lässt und wir einfach nur Glück verspüren.
Wenn es aufhört zu schneien und sich das nasse Weiß an den Straßenseiten auftürmt, weil es im Weg ist, kehrt die alte Geschäftigkeit zurück. Auf lange Sicht verlangsamt Schnee wohl doch nicht. Er bleibt für den Moment, bringt Ruhe, ist langsam, leise und fällt in seinem eigenen Tempo. Vielleicht können wir uns und unser Leben ein bisschen mehr wie den Schnee betrachten: Wenn etwas unaufhaltsam auf uns zukommt, so wie der Schnee stetig vom Himmel fällt, dann treten wir einen Schritt zurück und blicken einfach nur entgegen. Verlangsamen alles, sind achtsam und fühlen. Spüren, wie es uns wirklich geht. So wie der Schnee, haben auch wir ein eigenes Tempo und sind genau dort, wo wir gerade sein müssen, um das zu lernen, was wir gerade brauchen. Vielleicht bringt ein Windstoß mal die Flocken durcheinander, aber ist er vorüber, setzen sie ihren Weg nach unten gemächlich fort. Die Schneeflocken finden ihren Weg und verschwinden, so wie Probleme kommen und gehen. Türmen sie sich auf, so ist eins trotzdem gewiss: der nächste warme Tag wie der heutige wird kommen und den Haufen schmelzen lassen. Nichts ist für die Ewigkeit, vor allem nicht der Schnee von gestern.

Hallo Tessa,
ein wundervoller Text
Gruß jonas