An neuen Orten

Es gibt dieses Gefühl des Unbekannten. Es lässt einen unruhig werden, lässt einen sich selbst hinterfragen.

Ich bin schon oft in eine neue Stadt gezogen und habe neue Orte kennengelernt. Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass ich meine Kerngewohnheiten mitnehme. Ich mache das gleiche Workout in den unterschiedlichsten Fitnessstudios, die gleiche Dehnroutine auf der Matte, suche mir ein Gym mit Sauna, in der ich danach entspannen kann. Gehe in gemütliche Cafés, um zu schreiben. Lasse mich bei Spaziergängen durch die Natur dafür inspirieren. Suche mir ein Tanzstudio, in dem ich mich wohlfühle und koche gesund. Stöbere durch Bücherläden und lese das, was mich interessiert. Und mit der Zeit lerne ich bei all diesen Aktivitäten die unterschiedlichsten Menschen kennen. Das dauert immer seine Zeit und fühlt sich manchmal mühsam und einsam an, aber ich habe das Vertrauen, dass es gut wird. Die Zeit, die ich an diesen neuen Orten erst einmal allein verbringe, fühlt sich anfangs befremdlich an, bis ich all meine Lieblingsdinge öfter wiederhole. Rauszugehen und etwas zu tun, fühlt sich wertvoll an.

Nun lebe ich also zwei Wochen in der neuen Stadt, ungewollt, wegen dem neuen Job. Die Stadt an sich ist schön und hat ihren Charme, sie ist ruhiger als meine frühere Wahlheimat, welche nur eine Stunde entfernt liegt. Heute sehe ich mich mit meinem Endgegner konfrontiert: Das erste Wochenende allein in der neuen Stadt, die neuen Kollegen alle in die Heimat gefahren, der Mitbewohner auf Arbeit. Zwei volle Tage, die ich mit liegengebliebener Arbeit füllen kann, oder wo ich mir Zeit für mich selbst nehmen kann. Die erste Hälfte des Tages war ich hin- und hergerissen, ob ich für eine Nacht in meine Wahlheimat fahre. Dort in mein Lieblingsgym gehe, zum Tanzen und eine Freundin besuchen. Ich wäre die vollen zwei Tage beschäftigt und würde von einem Ort zum Nächsten Hetzen. Aber ich hätte meine Sehnsucht nach dem Bekannten befriedigt. Ich hätte kurz mein Heimatgefühl gespürt, zum Preis von zusätzlichem Stress. Denn die liegengebliebene Arbeit musste trotzdem erledigt werden. Ich hatte schon fast all meine Sachen gepackt, als mich der Blick auf mein gemütliches Bett Inne halten ließ. Die beige-weiß gestreifte Bettwäsche vor dem hellen Buchenholz rief in mir ein wohliges Gefühl hervor. Ich schlief gerne in meinem neuen Holzbett, welches ich auf Kleinanzeigen ergattert hatte. Dabei kam mir der Gedanke: „Wenn ich jetzt schon wieder vor dem neuen Ort fliehen würde, dann würde es länger dauern, bis sich ein Gefühl von zu Hause einstellen würde.“ Denn die Anfangszeit in meiner Wahlheimat hatte sich auch fremd angefühlt. Bis ich eben die Kerngewohnheiten oft genug ausgeübt hatte. Vielleicht werde ich mich hier im neuen Gym irgendwann genauso wohl fühlen wie in meinem alten.

Ich verpasste den Zug. Und ging Spazieren.

Ich wählte den neuen Ort, ein neues Café mit einem neuen netten Kellner. Dort spielte zufällig meine Lieblingsmusik, die Menschen um mich herum tranken Kaffee wie in meinem alten Café auch. Ich entspannte mich und fühlte mich sogleich nicht mehr ganz allein. Die ganze Woche auf der Arbeit hatte ich keine Zeit gehabt über irgendetwas nachzudenken. Da tat die kleine Auszeit gut. Ich stricke, schreibe diesen Text und werde später in eine neue Buchhandlung gehen. Der Samstag war danach fast vorbei und ich würde mich in meinem Bett einkuscheln.

Das Gefühl des Unbekannten würde mit der Zeit schwächer werden und ich brauchte mich dafür nicht verurteilen und selbst hinterfragen. Neue Orte rütteln auf, lassen einen Inne halten und sich neu orientieren. Sie machen die eigene Persönlichkeit sichtbar, denn diese ändert sich durch einen Ortswechsel nicht. Vielleicht lernt man deshalb an neuen Orten so viel über sich selbst.

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