Der Fluss

Meine Arme sind von Gänsehaut überzogen, während ich mit einem Kloß im Hals auf den Fluss vor mir starre. Ich sehe, wie sich die Bäume am gegenüberliegenden Ufer und die Wolken am Himmel im Wasser spiegeln. Eine Taucherente mit buntem Gefieder schwimmt seelenruhig an mir vorbei. Die Wasseroberfläche ist von Unebenheiten gezeichnet, die sich als kleine Wirbel entpuppen, je länger ich sie ansehe. Und das Wasser bleibt nicht stehen. Es fließt immer weiter und weiter.

Genauso unperfekt wie die Oberfläche des Wassers fühle ich mich. In mir ist es laut und unruhig. Seit Wochen gibt es in meinem Kopf nur noch Termine und Abgaben. Im neuen Beruf werden tagtäglich hohe Ansprüche an mich gestellt und ich will möglichst alles perfekt machen. Doch wie geht man mit einem Kopf um, der dadurch vergesslich wird und Kopfweh bekommt? Ich kontrolliere meinen Kalender einmal zu oft am Tag und kann abends nicht einschlafen, bevor ich nicht alles aufgeschrieben habe, was in meinem Kopf umher geht. Ich arbeite bis 22 Uhr und bin am nächsten Tag um 9 Uhr wieder am Arbeitsplatz. Dazu noch in einer Stadt, die ich zwar schön finde, aber in die ich zwangsversetzt wurde. Tagtäglich arrangiere ich mich damit, an einem Ort zu wohnen, an dem mir meine Familie und Freunde fehlen, mein Tanzstudio, und mein Café des Vertrauens. Ich lebe in einer fremden Stadt, nur für die Arbeit. Zwar habe ich nette Arbeitskollegen, mit denen ich mich oft treffe und viel Spaß habe. Aber trotzdem ist da diese Lücke. Mein altes Leben, das mir fehlt und das mir ein Gefühl von Heimweh verschafft.

Heute habe ich etwas anders gemacht: Nach der Arbeit bin ich nicht nach Hause, um weiterzuarbeiten oder das Gym-Programm abzuspulen. Nein, ich sitze am Fluss, umringt von Grün und sehe, wie sich vorbeifliegende Vögel im Wasser spiegeln. Ich brauche nicht in den Himmel zu blicken, um sie zu sehen. Ich höre meine Lieblingsmusik in Dauerschleife und mache etwas, was ich viel zu lange nicht getan habe: Schreiben. Schreiben gibt mir ein Gefühl von zu Hause. Es ist ein innerer Drang, das auf Papier zu bringen, was in mir vorgeht. Es verschafft mir ein Gefühl von Zufriedenheit, weil ich etwas nur für mich mache. Keine Arbeit kann so wichtig sein, wie mein inneres Wohlbefinden. Denn wenn das nicht gegeben ist, kann ich keine Arbeit zustande bringen.

In Zukunft wird es mehrere solcher Abende geben.

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